Wem gehört der öffentliche Raum!? Jugendliche in Zeiten der Pandemie
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von Team Cult

Wem gehört der öffentliche Raum!?

Wem gehört der öffentliche Raum? Jugendliche in Zeiten der Pandemie.

 

Bereits seit einem Jahr bestimmt die Covid-19-Pandemie unseren Alltag. Dabei sind es neben den gesundheitlichen, vor allem die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekte, die Eingang in den medialen Diskurs finden. Ein Diskurs, der, mit einigen wenigen Ausnahmen, ohnehin nur mehr aus Covid-19-Berichterstattung zu bestehen scheint und dabei kaum die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wiedergibt.

 

Ein Jahr hat 365 Tage...

Die öffentliche Rechtfertigung der Eindämmungsaßnahmen hat sich in einem Jahr Pandemie nicht großartig verändert. Chancen, aus Fehlern zu lernen, wurden nicht – oder stets nur halbherzig – ergriffen. Vielmehr fühlt man sich wie in einer schlechteren Version von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, wenn vom Gratisblatt bis zum Qualitätsmedium zum zweiten, dritten, vierten Mal die hysterische Frage getitelt wird, ob denn nächste Woche wieder ein Lockdown drohe, ganz so als folgte dieser einem Naturgesetz. Es ging also, hüben wie drüben, immer eher darum einen drohenden Lockdown zu bekämpfen, als die Verbreitung des gefährlichen Virus selbst. Damit wird man vor die fragwürdige Alternative gestellt: Wovor soll man mehr Angst haben, vor Lockdown oder Virus? Die Verengung des Diskurses auf diese Gegenüberstellung zeigt nicht nur Ignoranz gegenüber kommunikativer Verantwortung, sondern auch, dass die Gesundheit der Menschen offenbar weniger wichtig ist, als die brummende Wirtschaft. Die einschüchternde bisweilen rassistische Law-and-Order-Rhetorik, die Menschen in Gut und Böse einteilt – wir erinnern uns an die Rede von „Lebensrettern und Lebensgefährdern“[1] oder die Aussage, wonach das Virus mit dem Auto (vom Balkan) kommt – ist dafür Motor.

Egal. Diese Frage lässt sich weder einfach, noch allgemein beantworten. Was sich bisher aber dennoch mit aller Gewalt gezeigt hat, ist, dass die Pandemie die Klassenwidersprüche weiterhin verstärkt; dass marginalisierte Bevölkerungsgruppen noch weiter an den Rand gedrängt, von Seuche und wirtschaftlicher Krise ungleich härter getroffen werden.[2] Gleichzeitig haben die Besitzenden von der Krise ungemein profitiert und so kommt es, dass sich die Führungsspitze der reichsten Männer (sic!) noch weiter vom Rest der Menschheit entfernt. Für den Moment eines Wimpernschlags in der Geschichte schien es zwar am Anfang der Pandemie so, als würde die grassierende Ungerechtigkeit der kapitalistischen Ausbeutung nicht mehr im Verborgenen bleiben können: Erinnern wir uns zum Beispiel, als etwa im März des vergangenen Jahres die Arbeiter*innen in einer Fiat-Chrysler-Fabrik nahe Neapel einen Lockdown durch Streiks erkämpft haben, weil sie nicht mehr länger bereit waren ihre Leben für den Profit des Betriebes aufs Spiel zu setzen. In Österreich hingegen wurde der Solidarität wenig kämpferisch Ausdruck verliehen, es blieb bei Zurufen und Beifallsbekundungen für die „systemrelevanten“ Berufsgruppen - zahnlos, brav, eingehegt in pünktlich um 18:00 angestimmte Lieder, abgespeist mit ein paar Euro mehr am Ende des Tages, dafür einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Auch so geht Klassenkampf. Von oben. Auf dem ersten Blick nette Gesten, aber dann? Nichts mehr: Das Gegenteil von gut ist immer noch gut gemeint! Man hat also irgendetwas von bewegten Gefühlen und Solidarität gefaselt. Wir wissen, heiße Luft zahlt keine Mieten, bringt kein Essen auf den Tisch und zahlt keinen Laptop für die schulpflichtigen Kinder.

 

Öffentlicher Raum. Verdrängung und Repression

Die Kluft zwischen Arm und Reich klafft ziemlich weit auf. Gerade in städtischen Ballungszentren mit wenig nicht-kommerziell nutzbaren, öffentlich zugänglichen Freiflächen verdichten sich dadurch Probleme (Spieltipp am Rande: Wie viele Supermärkte, Parks und Plätze gibt es deiner Umgebung? Wieviel Fläche wurde durch sie verbaut?). Die künstliche Knappheit von leistbarem, qualitativ angemessenem Wohnraum ließ auch schon vor Corona die Mietpreise in die Höhe treiben und führte zur sukzessiven Verdrängung sozioökonomisch benachteiligter Bevölkerungsschichten aus ihren unmittelbaren Lebensumfeldern. Aber nicht nur Größe, Ausstattung, Raumaufteilung und der Zustand der Bausubstanz sagen etwas über die Qualität des Wohnraumes aus, sondern auch die unmittelbare, zu Fuß erreichbare Umgebung, der Zugang zu Infrastruktur, Nahversorgung und: städtischen (Nah-)Erholungsgebieten. In den gründerzeitlich geprägten Quartieren Wiens zeigt sich gerade in den Zeiten von Lockdown, Betretungsverboten und Ausgangsbeschränkungen, wie sehr es an Platz und Freiraum, an Naherholungsflächen, an schattigen, kühlen Orten v.a. im Sommer, fehlt.

Dort wo immer schon hauptsächlich Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbrachten, auch weil sie dafür nichts bezahlen müssen, sieht man heute immer häufiger Erwachsene, die den öffentlichen Raum für kommerzielle Fitnesstrainings nutzen. Drinnen Trainieren ist ja derzeit nicht. Unausgesprochen schlägt auch der Plan der öffentlichen Schanigärten für die warme Jahreszeit in dieselbe Kerbe, mit dem möglichen Effekt der weiteren Verknappung öffentlicher, nicht kommerzieller Freiräume.

Dabei sind diese Freiräume als Möglichkeitsräume für das Zusammenleben und die Lebensqualität in einer Stadt von größter Bedeutung: Hier können sich Menschen aus freien Stücken zusammenfinden, ohne Druck Zeit verbringen, spielen, sich nachbarschaftlich organisieren, Raum für Kreatives erschaffen, die Enge der eigenen vier Wände verlassen und ans Licht der Öffentlichkeit treten. Insbesondere für Jugendliche, die eine Lebensphase durchwandern, die von Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung, Autonomie, Freundschaft und der Loslösung vom Eltern“haus“ geprägt ist, ermöglicht der öffentliche Raum Freizeit selbstbestimmt zu verbringen.[3] Überall anders, sei es in der Schule, zu Hause, oder in Sportvereinen ist dieses Ausprobieren noch stärker eingeschränkt und unterliegt der Kontrolle von Eltern und anderen erwachsenen Bezugspersonen.[4] Deshalb sollte es auch nicht verwundern, dass es Jugendliche in den letzten Monaten trotz Ausgangsbeschränkungen in die Wiener Innenstadt, an ihren zentralsten Ort – den Stephansplatz – zieht. „Weil dort alle sind, nicht nur Bekannte und Freund*innen“, wie ein Jugendlicher berichtete. Es sei eine willkommene Abwechslung zu Distance-Learning und Unterricht in geteilten Klassen, unbekannte Leute zu sehen und zu wissen, dass sich alle dort gerade in einer ähnlichen Situation befinden. Genau das ist eine der zentralen Funktionen des öffentlichen Raums und diese wird derzeit eingeschränkt.

Anstatt auf wohlwollende Kommunikation und verständliche, transparente Information zu setzen, werden Jugendliche zu relativ hohen Geldstrafen verdonnert, mit dem Ziel sie so von den Plätzen und Straßen zu vergrämen. Das erzeugt eine schiefe Optik auf das Gebaren des Staates, der ganz offenbar auf selektive Weise sanktioniert. Gut Betuchte wird eine Organstrafe von 50, 100 oder gar 500€? vom Prosecco-Trinken in der Innenstadt wohl kaum abhalten. Doch für einen Lehrling oder eine Schülerin* kann eine solche Summe einen merkbaren finanziellen Einschnitt bedeuten. Die Jugendlichen, die am Stephansplatz, Zwischen den Museen, am Reumannplatz, auf der Mahü oder anderen Plätzen und Parks mit Verwaltungsstrafen eingeschüchtert werden, sind die Bauernopfer einer paternalistischen und verrohten Politik, der klar zu sein scheint: hier trifft es keine potentiellen Wähler*innen.

Anstatt jungen Menschen mit Verständnis für ihren Bedarf nach Freiräumen, nach Öffentlichkeit, unkontrollierter Freizeit und Bewegung zu begegnen; anstatt sie bei der Bewältigung der schwierigen Situationen von Vereinzelung, Leistungsdruck und Perspektivlosigkeit zu unterstützen und gemeinsam nach Lösungen für diese Probleme zu suchen, wird abgestraft. Wir hören es täglich in unserer Arbeit, in den Gesprächen - ob auf Streetwork, in den Beratungszeiten, oder Online – von den Jugendlichen selbst, dass sie das ewige Hin- und Her fertig, ja sogar depressiv macht.[5] Ähnlich ging es den Alten, die in Pflegeheimen, alleine und vereinzelt, zumindest aber isoliert von jüngeren Angehörigen, ihr Dasein fristen mussten. Zum Glück sind viele von ihnen schon geimpft. Im Sinne des Schutzes ist das verständlich und teilweise notwendig, doch in einer Gesellschaft, die sich um Begriffe Erwerbsfähigkeit, Arbeit, Leistung und Konkurrenz strukturiert, kann es keinen Platz – und schon gar kein Herz – für diejenigen geben, die z.B. aufgrund ihres momentanen Alters – das ja keine Konstante ist– aus diesem Rahmen herausfallen. Sie werden, wie gewohnt, entweder ignoriert, oder zu Sündenböcken gemacht. Der Philosoph Alain Badiou formuliert in seiner 2016 erschienen Streitschrift Versuch, die Jugend zu verderben[6] , eine knappe Zeitdiagnose, die unter den Bedingungen von Covid-19 wahrscheinlich noch treffender geworden ist: „Die Jungen irren umher und werden als Bedrohung wahrgenommen, die Alten haben ihren Wert verloren und werden in Einrichtungen untergebracht, deren einziger Zweck darin besteht sie 'in Frieden' sterben zu lassen.“[7]

Diesen Widersprüchen möchte der damals fast 80-jährige die Idee eines vielleicht etwas ungewöhnlich anmutenden politischen Bündnisses entgegensetzen: „Wir sollten eine riesige Demonstration organisieren, bei der sich die Jungen und die Alten gegen die Erwachsenen von heute verbünden. Die rebellischsten der unter Dreißigjährigen und die zähesten der über Sechzigjährigen gegen das Establishment der Vierzig- und Fünfzigjährigen. [...] Ein solcher die Lebensalter überbrückender Protest wäre etwas Neues, etwas Wichtiges! […] Die desorientierte Jugend paktiert mit den alten Haudegen der Existenz. Gemeinsam werden wir durchsetzen, dass sich die Wege zu einem wahren Leben wieder öffnen.“[8]

 

von

Jakob Falkinger/cult.team

 

[1] https://www.bmi.gv.at/news.aspx?id=4139704C4F42714B2F54673D, Stand: 01.04.2021.

[2] Sablowski, Thomas: „Klassenkämpfe in der Corona-Krise. Eine Auseinandersetzung um die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung.“ In: Bertz, D.F. (Hg.): Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft. Bertz + Fischer. Berlin 2021.

[3] Kluge und Negt prägten in diesem Zusammenhang den Begriff der „Kinderöffentlichkeit“. Siehe dazu das Kapitel „Kinderöffentlichkeit“ in: Kluge, Alexander/Negt, Oskar: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1976.

[4] Zur Thematik der Selbstbestimmung bzw. Selbstverwaltung von Jugendlichen ist ein Blick in die Geschichte interessant, vgl. Templin, David: Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre. Wallstein Verlag, Göttingen 2015.

[5] https://www.derstandard.at/story/2000124607531/psychische-gesundheit-von-schuelern-in-corona-zeiten-massiv-verschlechtert; Stand: 10.03.2021, 10:50.

[6] Badiou, Alain: Versuch, die Jugend zu verderben. Edition Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

[7] Ebd. S. 32.

[8] Ebd. S. 32ff.

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